Kürzlich habe ich euch den Webhoster Uberspace.de vorgestellt, der vor allem durch sein ungewöhnliches Preismodell (“Pay-what-you-want”) auffällt. Außer durch das Preismodell hebt sich Uberspace.de auch sonst von der Masse der Webhoster ab.
In dem folgenden Interview wird euch Jonas Pasche, Geschäftsführer von Uberspace und einer der vier Administratoren, einiges über die Firma, deren Philosophie und Besonderheiten erzählen.
Leetperium.de (Leet): Hallo Jonas, danke, dass Du dir Zeit für das Interview genommen hast. Erzähle doch bitte zuerst ein wenig über deine Person.
Jonas: Ach, eine große Personality-Show will ich da gar nicht daraus machen – Uberspace.de ist schließlich ein Team-Projekt, das ich ohne meine Kollegen überhaupt nicht stemmen könnte. Aber jeder mag ein paar Eckdaten, also: Ich bin Jahrgang 78, kann mich eigentlich nicht mehr an Zeiten erinnern, an denen ich nichts mit Computern gemacht hätte, und habe irgendwann vor Jahren für mich entschieden, dass ich an Software, deren Quellen ich nicht einsehen und bearbeiten kann, einfach kein Interesse mehr habe.
Seit über einem Jahrzehnt arbeite ich ausschließlich mit diversen Linux-Distributionen (mit einigen kurzen Ausflügen in die Welt von NetBSD und OpenBSD); andere Betriebssysteme sind mir inzwischen einfach zu kompliziert. Ich bin Wahlmainzer der Liebe wegen (nein, nicht wegen des Karnevals). Hobbys entfallen derzeit; mein Beruf ist mein Hobby. Es kommen sicherlich auch wieder andere Zeiten, aber ich bin glücklich, wie’s grad ist, wozu als was ändern. Wer mehr wissen will, kann auf http://jonaspasche.com/app/about_us/jp schauen.
Leet: Wie seid Ihr auf die Idee gekommen, einen Webhoster wie Uberspace zu starten? Wie ist euer Konzept genau aufgebaut, was ist eure “Philosophie”?
Jonas: Entstanden ist es letztlich aus persönlichem Bedarf heraus: Wir machen halt eigentlich primär Dedicated Hosting und Clustering, aber es wurde immer wieder auch simples Shared Hosting bei uns angefragt, obwohl wir das nirgendwo angeboten haben – aber wenn man “irgendwas mit Internet” macht, bleibt das nicht aus. Wir wollten hier die Leute dann aber nicht wegschicken, insbesondere, da wir eigentlich keinen Hoster wirklich empfehlenswert fanden. Also haben wir uns überlegt, wie für *uns* das optimale Hosting aussehen müsste, wenn wir selbst irgendwo Kunde sein wollten.
Und da liegt nun mal auf der Hand: Schon allein, wenn man einen SSH-Zugang will, fallen 80% der gängigen Webhosting-Angebote direkt raus. “Zu gefährlich”, was weiß ich. Wir haben das aber immer schon anders gesehen, denn es ist ja nicht so, dass User nicht trickreich wären: Da hat man sich flugs eine PHP-Shell irgendwo hochgeladen, das Ganze dann noch hübsch unverschlüsselt per HTTP, und schon haben die Leute die Shell, die sie wollen, aber viel unsicherer, nicht supported, ohne Key-Authentifizierung, und im blödesten Fall vergessen sie noch den Passwortschutz. Soll heißen: Das Fehlen eines SSH-Zugangs bringt User eher noch dazu, sich Lösungen einfallen zu lassen, die dann sicherheitstechnisch viel grauenvoller sind als ein ganz profaner SSH- Zugang. Weiterhin war uns wichtig: Wir wollen etwas haben, was möglichst wenig speziell ist.
Wenn die Leute sich einen Account bei uns klicken, sollen sie sich sofort zu Hause fühlen. Das ist jetzt gar nicht marketing-kuschelig gemeint, sondern ganz profan: Man hat eine Shell, die sich so bedienen lässt, wie sich eine Shell eben bedienen lässt. Man hat die Tools, die man erwartet. Die Konfiguration liegt an den Stellen, die man kennt. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber ich glaube, unser “unique selling point” ist, dass wir so unbesonders sind. Linux ist ja nun ein prima System: Ausgereift, etabliert, breite Userbasis, umfangreiche Dokumentation. Und vor allem eben quelloffen und voller Freiheit. Wenn ich nun, um mir eine Mailadresse anzulegen, meinen Browser anwerfen muss, in meinen Bookmarks das Admin-Interface anklicken muss, einloggen, klicken, klicken, klicken, Mailadresse anlegen, klicken, warten … also, in der Zeit habe ich einfach schon längst “vadduser blub” und ein Passwort eingegeben und die Adresse funktioniert, und dann hab ich mir noch einen Kaffee gemacht.
Ein Admin-Interface steht mir im Weg. Und deshalb war klar: Das machen wir einfach nicht. Woanders kriegen die Leute keine Shell; bei uns *müssen* sie auf die Shell. Und sie lernen was dabei – um gleich noch einen Pfeiler unseres Konzepts aufzumachen: Wir wollen, dass unsere User schlauer werden und kapieren, was sie da tun. Das ist erstmal unbequem, klar.
Aber es gibt den Leuten die Macht zurück, wieder selbst zu bestimmen, und wir bekommen fast täglich im Support zu spüren, wie besonders die Leute, die über den “Zwang” zur Shell gemault haben, schon nach Tagen geradezu begeistert sind: Das sei alles gar nicht so schwer wie gedacht; da würden ja auch lauter Dinge gehen, die sie in ihrem Confixx gar nicht machen könnten; alles ginge viel schneller. Und da freuen wir uns dann eben auch, weil es damit wieder ein paar Leute mehr gibt, für die Computer langfristig nicht nur ein Ding sind, wo man bunte Bildchen anklicken kann, sondern etwas, was man wirklich selbst auch in Details kontrollieren kann.
Leet: Wie ist euer Preismodell, das “zahl-so-viel-du-willst”-Modell, entstanden?
Jonas: Dessen Wurzeln sind ehrlich gesagt schlicht und einfach Faulheit. Als wir vor Uberspace.de mal eine Zeitlang Shared Hosting angeboten haben, hat’s 5 Euro im Monat gekostet. Das gab von der einen Hälfte der User Gemaule, weil’s doch woanders schon Hosting für 2 Euro gibt. Von der anderen Hälfte gab’s Gemaule, weil das doch viel zu billig sei. Soll heißen, wir haben ewig viel Zeit mit Preisdiskussionen, Rabattverhandlungen und vor allem mit “mach mir doch mal ein Angebot” verbracht.
Das war nervig; deshalb haben wir diesen Faktor kurzerhand rausgemendelt. Wir sind Admins und keine Verkäufer. Insofern könnte man auch sagen: Wir sind fies und haben den Ball einfach zurückgespielt, weil wir es leid waren, uns für unsere Preise vor jedermann rechtfertigen zu müssen. Das zwingt unsere User eben dazu, sich hier ein paar Gedanken machen zu müssen – aber genau darum geht’s ja auch. Ich meine, nehmen wir hier doch mal den 1-Euro-Billighoster. Da ruft jemand an und lässt sich erklären, wie er eine E-Mail-Adresse in seinem Outlook einrichtet. Sagen wir, 15 Minuten lang. Damit ist doch klar, dass da im Grunde schon der Gewinn der nächsten Jahr mit dem einen Telefonat aufgefressen ist. Es muss sich also niemand wundern, dass der Service meistens schlecht ist – aber lautesten meckern ja meistens die, die sich den Billigsten raussuchen und dann absolut nicht dazu in der Lage sind, einen Zusammenhang zu sehen.
Wir versuchen genau den umgekehrten Weg zu gehen: Wir erbringen Leistungen, und dann sagen wir: So, jetzt wo du die Leistung bekommen hast: Was ist’s dir wert? Denn diese Frage der Wertigkeit ist die, die meistens zu kurz kommt. Weder fallen Server einfach so vom Himmel, noch arbeiten meine Mitarbeiter kostenlos für mich. Wir wollen einfach versuchen, das etwas transparenter zu machen, um den Leuten zu ermöglichen, einen Preis zu wählen, mit dem sie den Eindruck haben, dass sie uns fair bezahlen. Hier zu knausern hieße ja letztlich auch, sich ins eigene Fleisch zu schneiden, denn damit sägte man ja nur an dem Ast, auf dem man gemeinsam mit uns sitzt: Gehen wir pleite, muss man sich einen neuen Hoster suchen, und darauf hat ja auch niemand Bock.
Der andere Aspekt des Preismodells ist: Wir waren es leid, Geld hinterherzulaufen. Denn das ist leider eine sehr unerfreudliche Erfahrung: Während die drei- und vierstelligen Monatsrechnungen unserer Server- und Clusterkunden in der Regel binnen einer Woche bezahlt sind, sind es gerade die kleinen 5-Euro-Rechnungen, denen wir dann immer noch mit drei Mahnungen hinterherlaufen mussten. Das hat vielleicht genervt..! Also war klar: Das Ding wird nur auf Guthabenbasis laufen. Es ist aber sozusagen “nachträgliches Prepaid” – also, es ist Prepaid in dem Sinne, dass wir ganz klar sagen: Du musst uns bezahlen, sonst klemmen wir dich ab.
Aber weil niemand die Katze im Sack kaufen will, gehen wir einen Monat in Vorleistung, damit du schauen kannst, wie’s bei uns so ist, und das ist kein eingeschränkter Testzugang. Es passiert technisch absolut gar nichts, wenn du dann dein Konto auflädst; du behältst einfach exakt das, was du hast. Das ist nämlich was wert, und deshalb musst du es bezahlen, wenn du es genug ausprobiert hast.
Leet: Funktioniert das System auch, oder zahlen 90% aller Kunden nur den erforderlichen Mindestpreis von 1€?
Jonas: Ich habe gerade den aktuellen Stand in der Datenbank abgefragt: Es sind rund 80% der User, die mehr bezahlen als sie zwingend müssten. Das ist mehr, als wir erwartet haben, und ich finde, das ist ein schöner Anlass, den Leuten, die uns vor allem in den ersten Wochen und Monaten für unser freies Preismodell ausgelacht haben, einmal gepflegt den Stinkefinger zu zeigen. Es sind im Regelfall die Knauserer, die glauben, auch alle anderen würden knausern. Unsere Erfahrung ist das genaue Gegenteil.
Leet: Habt ihr keine Angst, das euer Zahlungssystem einmal ausgenutzt wird?
Jonas: Nein. Man muss nicht immer vor allem Angst haben, sondern auch mal einfach was machen. Meistens überraschen einen die Menschen. Positiv.
Leet: So praktisch euer Zahlungssystem ist, findet ihr es nicht ein wenig unfair, dass Kunden, die z.B. 1€ zahlen, genau den gleichen Support und die gleichen Leistungen erhalten wie ein Kunde, der z.B. 50€ im Monat zahlt?
Jonas: Nein, denn alle User kennen das Modell und die Bedingungen. Wer 50 Euro im Monat zahlt und dann plötzlich auf den Trichter kommt, dass das ja voll unfair sei, der möge dann bitte seinen Preis eben so anpassen, bis er ihn nicht mehr unfair findet.
Wer mehr zahlt, unterstützt unser Modell eben stärker – was eben auch indirekt anderen zugute kommt, die nicht deshalb nur 1 Euro zahlen, weil sie solche Sparbrötchen sind, sondern weil sie sich schon den einen Euro vom Mund absparen müssen. Es lässt sich nun mal nicht alles in Geld aufrechnen. Wer 50 Euro an eine karitative Einrichtung spendet, hat auch nicht mehr davon als jemand, der nur 1 Euro spendet. Es macht ihn nicht mal zu einem besseren Menschen. Er trägt einfach nur dazu bei, dass es etwas gerechter auf der Welt zugeht. Daran kann ich nichts Unfaires erkennen.
Leet: Gäbe es Uberspace noch, wenn jeder Benutzer nur 1€ bezahlen würde?
Jonas: Die Frage ist wohl hypothetisch gemeint, denn schon allein die Gesetze der Wahrscheinlichkeit verhindern, dass das passiert. “Aber wenn das alle machen würden” ist so ein Totschlag-Argument, mit dem wohl oder übel jedes Geschäftsmodell zugrundegehen würde. Man stelle sich nur mal vor, jeder Kunde eines Onlineshops würde einfach nur von seinem gesetzlich verbrieften Widerrufsrecht Gebrauch machen! Vermutlich hätten wir dann bald kein Widerrufsrecht mehr, und das wäre dann wiederum zum Nachteil aller. Es gibt Dinge, die funktionieren eben nur, weil *nicht* alle sie machen.
Leet: Wie viel zahlen eure Kunden im Durchschnitt und was ist der höchste Betrag, den je ein Kunde bei euch gezahlt hat?
Jonas: Der durchschnittlich eingestellte Wunschpreis liegt derzeit bei 2,96 Euro. Bereinigt um den Mindestpreis (der ja bei der Buchung von Domains über uns ggf. auch höher als 1 Euro liegen kann, damit sichergestellt ist, dass wir die externen Domainkosten mit ihm decken können), zahlen die User durchschnittlich monatlich 1,60 Euro mehr, als sie zwingend müssten.
Das ist etwas mit Vorsicht zu genießen, denn viele User haben mehrere Accounts bei uns, insbesondere, weil wir das ausdrücklich empfehlen, wenn man z.B. mehrere Domains auf einer Site hat. Es ist bei vielen Hostern üblich, mehrere oder gar unbegrenzt viele Domains auf einem Account zu hosten (also auch mit unterschiedlichen Inhalten und ggf. auch unterschiedlichen Zugängen, so dass der Accountinhaber quasi schon als eine Art Reseller auftritt). Während wir das Hosting mehrerer Sites auf einem einzelnen Uberspace zwar auch ermöglichen (eingeschränkt, weil die sicherheitstechnischen Implikationen aus unserer Sicht beachtlich sind), ermutigen wir unsere User stattdessen dazu, sich dann lieber mehrere Uberspaces zu klicken und ihren Wunschpreis auf die einzelnen Account zu verteilen.
Klar: Wir empfehlen auf uberspace.de/prices, einen Preis zwischen 5 und 10 Euro monatlich zu zahlen, und davon ist dieser Wert weit entfernt. Auch wenn wir durchaus davon überzeugt sind, dass unser Hosting diesen Preis auch durchaus wert ist, so machen wir uns aber nichts vor: Wir hätten auch nicht damit gerechnet, dass der Durchschnittswert auch nur annähernd in diese Richtung kommen würde, sondern zum einen von vielen eher schon als Obergrenze empfunden wird, und zum anderen ist auch klar, dass unser Preismodell eben auch viele Leute anzieht, die wirklich nicht viel zahlen können.
Der dabei vergleichsweise geringe Anteil von Usern, die nur den Mindestpreis zahlen, zeigt aber auch, dass viele sich zumindest bemühen, “etwas” mehr zu zahlen – und auch 1,50 Euro statt 1 Euro sind schon eine Geste, über die wir uns sehr freuen.
Zu den höchsten eingestellten Wunschpreisen: Die Top 10 deckt hier eine Spanne zwischen 15 und 30 Euro ab. Bei den Beträgen, die User auf einmal via Überweisung aufgeladen haben, liegt die Top-10-Spanne zwischen 200 und 350 Euro.
Leet: Jonas, ich danke Dir für das Interview!
Vielen Dank für diesen Einblick und natürlich an Jonas & Team, für den angenehmsten Hoster den ich kenne.
Danke für das schöne Interview! Sind ein paar interessante Einblicke in einen klasse Hoster dabei!
Kommt sehr sympatisch rüber der Kerl.
Hat Spaß gemacht zu lesen
Kaum ist man mal mit einem Webhoster zufrieden, kommt schon der nächste bei dem man vermutlich noch mehr zufriedener ist. Zumindest wenn man solche Interviews und die Tests von Uberspace liest. Ich glaube ich werde den Anbieter mal mit einer Domain von mir testen…